Ein bisschen Frieden

Nadja floh vor dem Krieg, verlor ihr Zuhause. Was sie fand, war etwas Unerwartetes: Ruhe - inmitten anderer Menschen.

Nadja atmet tief durch. Sie sitzt mit ihren Mitbewohnern am gedeckten, mit Kerzen beleuchteten Tisch. Vor ihr Leckereien, die sie zusammen mit den anderen gekocht hat. Borschtsch, die traditionelle Rote-Beete-Suppe, Karpfen und natürlich Kutja: Gerste mit Mohn, Honig und Nüssen.

„Stoßen wir an auf unsere Gesundheit“, sagt Nadja, hebt das Glas und lächelt. Es ist Weihnachten, das Fest des Friedens. Ein bisschen Frieden - sie kann ihn fühlen, zumindest in ihrem Wohnheim. In ihrem Land nicht. Hier herrscht noch immer Krieg.

Eine süße Erinnerung

Nadja lebte einst in Beryslav im Osten der Ukraine. Sie wohnte mit ihrem Mann in einem bunten Häuschen. Klein, aber fein. In der Garage neben dem Auto lehnten die roten Rennräder der zwei. Am Wochenende machten sie Ausflüge, wohin auch immer der Wind sie trug. Am liebsten am Dnipro entlang, kilometerlang, ohne Ziel, aber jedes Mal gab es ein Picknick.

Sie leitete ein Kinderheim, wurde zur Ersatzmutter für heimatlose Waisen. Bis Nadja selbst heimatlos wurde. Beryslav wurde zum Schauplatz des russisch-ukrainischen Krieges. Ihre Heimatstadt: unter russischer Kontrolle. Ihr Kinderheim: unter neuer Leitung. Die Fahrradwege: vermint.

„Wir konnten kaum mehr frei atmen“, erinnert sich Nadja. Das Zuhause, in dem sie sich so wohl gefühlt hatten, wurde zum Gefängnis. Also floh sie mit ihrem Mann in Richtung Westen, mit dem eigenen Auto. Fuhren über verminte Brücken, 31 Checkpoints, bis zum ersten Stützpunkt der ukrainischen Armee.

Auf der langen Suche

Nadja weinte. Ein Moment der Erleichterung. Sie schlief in einer Turnhalle in Ivano-Frankivsk, später in einem Kindergarten, der zum Wohnheim für Vertriebene umgebaut wurde. Ein Zimmerchen bewohnt sie zusammen mit ihrem Mann, gerade groß genug für ein Bett und einen Schrank. Kein Zuhause, aber immerhin vier Wände - weit weg von dort, wo es täglich knallt.

Einst gab sie Waisenkindern Stabilität. Nun fühlte sie sich selbst wieder wie ein Kind. Abhängig von der Unterstützung von Vater Staat und Hilfsorganisationen. Ohne Wurzeln, ohne Orientierung.

Was tun? Wie wieder Frieden und Heimat fühlen? Nadja überlegte lange. Machte Spaziergänge durch den Park in Ivano-Frankivsk. Sie betete, sprach mit Priestern.

Dann entschied sie, selbst zu helfen. Sich für die anderen Flüchtlinge im Heim zu engagieren. Nadja betreut deren Kinder, damit die Mütter Zeit für sich haben. Hört sich die Sorgen und Nöte der Alten an. Seit kurzem organisiert sie sogar Radausflüge für ihre Mitbewohner.

Das schönste Geschenk

Nadja fand endlich Ruhe, indem sie sich auf das Wohlbefinden anderer Menschen konzentrierte. Nicht dass sie sich selbst vernachlässigte, aber sie spürte: Dankbarkeit ist das schönste Geschenk.

Apropos Geschenk: Das Festmahl hat Nadja mit viel Liebe gekocht. Und so sitzt sie jetzt am Tisch und verspeist gemeinsam mit ihren Mitbewohnern die Leckereien. Die Kerzen brennen und für einen Moment spricht niemand. Nadja atmet aus - und es ist, als ob der Atem sie auf ihr Rennrad trägt.

Sie versteht: Von hier aus ist alles möglich.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Nadja habe ich auf meiner Reise in die Westukraine im Frühjahr diesen Jahres kennen gelernt. Sie heißt eigentlich Svitlana und bewohnt zusammen mit 150 anderen Vertriebenen einen umgebauten Kindergarten in Ivano-Frankivsk. Die 59-Jährige traf ich in der orange gestrichenen Wohnheimsküche.
Svitlana in ihrem Zimmer

Möglich machten die Reise und diese Begegnungen Jürgen Schipek und Anastasiya Ponomaryova. Jürgen ist Experte für kommunalen Wohnungsbau - mit Kontakt zu Projektkoordinatorin Anastasiya von der Nonprofit-Organisation CO-HATY, die uns mehrere Projekte in Ivano-Frankivsk zeigte.

Jürgen und ich schauen Svitlanas Wohnheim an

CO-HATY will Strukturen schaffen, damit sich Menschen wieder als Teil einer Gemeinschaft fühlen können. Menschen wie Svitlana, die mir ihre Welt zeigte, ihr Mini-Zimmerchen, und ihre Geschichte erzählte, auf deren Basis ich diese Geschichte schrieb. Vielen Dank für deine Offenheit, Svitlana!

Svitlanas altes Leben: Sie machte viele Radausflüge mit ihrem Mann.
Svitlana in Weihnachtsstimmung

Die Story spiegelt auch meine eigene Suche nach innerem und äußerem Frieden wider. Es ist mir unbegreiflich, wie Menschen einander auf dem Schlachtfeld töten können - besonders Russen und Ukrainer, zwischen denen so viel Gemeinsames liegt. Vielleicht zeigt genau das, wie absurd (dieser) Krieg ist.

Ich fing mehrmals mit dem Schreiben an und unterbrach es, weil ich eine starke Unruhe in mir spürte, zu sehr erschütterte mich das Thema. Zur finalen Fassung der Geschichte inspirierte mich die warme Energie einer jungen Russin, mit der ich Heiligabend in Asunción verbrachte. Die Illustrationen entstanden in La Paz - den Frieden.

Ich begriff: Hinter der Unruhe, im Ausatmen, wartet vielleicht schon der Frieden - auf mich, auf uns alle.